Kräutertee genießt einen ausgezeichneten Ruf als naturbelassenes Getränk, das Entspannung bringt und gesundheitliche Vorteile verspricht. Doch hinter dem idyllischen Bild von duftenden Pflanzen und traditioneller Heilkunde verbirgt sich eine Realität, die viele Konsumenten überraschen dürfte. Die tatsächlichen Risiken liegen weniger bei industriellen Zusatzstoffen als vielmehr bei natürlichen Verunreinigungen, die während Anbau und Verarbeitung in die Produkte gelangen können. Besonders Pyrrolizidinalkaloide als Hauptproblem haben in den vergangenen Jahren für wissenschaftliche Diskussionen gesorgt und die Industrie zum Handeln gezwungen.
Wenn Unkraut mitgeerntet wird
Beim Kauf eines Kräutertees gehen die meisten Menschen davon aus, ausschließlich getrocknete Pflanzenteile zu erwerben. Die Verpackungen suggerieren mit Bildern von blühenden Wiesen und handschriftlichen Schriftzügen Natürlichkeit und Reinheit. Die wissenschaftlich dokumentierten Gesundheitsrisiken stammen jedoch nicht primär von zugesetzten Aromen oder Konservierungsstoffen, sondern von unerwünschten Beikräutern, die bei der Ernte miterfasst werden. Diese Unkrautpflanzen können toxische Substanzen enthalten, die in das Endprodukt gelangen und dort nichts zu suchen haben.
Die unsichtbare Gefahr im Teeaufguss
Bestimmte Unkrautpflanzen enthalten schädliche Pyrrolizidinalkaloide, kurz PA genannt. Werden diese Pflanzen bei der Ernte der Teekräuter miterfasst, gelangen die toxischen Inhaltsstoffe in das Rohmaterial. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in Untersuchungen PA-Gehalte von null bis 3,4 Milligramm pro Kilogramm Trockenprodukt gefunden. Diese Substanzen gelten bei hohen Dosen als genotoxische Karzinogene, was bedeutet, dass sie das Erbgut schädigen und Krebs auslösen können. Klingt dramatisch, erfordert aber eine differenzierte Betrachtung.
Risiko ja, aber für wen wirklich?
Eine akute Gesundheitsschädigung bei kurzfristigem Konsum ist für Erwachsene und Kinder unwahrscheinlich. Risiken entstehen erst bei längerfristigem Verzehr überdurchschnittlich hoher Mengen von Produkten mit den derzeit gemessenen mittleren und hohen Gehalten an Pyrrolizidinalkaloiden. Besonders vorsichtig sollten Kinder, Schwangere und Stillende sein, da diese Gruppen empfindlicher reagieren. Wer täglich literweise denselben Kräutertee trinkt, sollte sein Konsumverhalten überdenken.
Hersteller haben nachgebessert
Aktuelle Untersuchungen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit aus dem Jahr 2024 zeigen deutliche Verbesserungen. Von 32 untersuchten Produkten ließ keines Grund zur Besorgnis erkennen. Die Ergebnisse bestätigen vielmehr, dass die vielen Maßnahmen der Hersteller erfolgreich dazu beigetragen haben, die PA-Gehalte in Kräutertees über die Jahre zu senken. Die Industrie hat auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert und Produktionsprozesse optimiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit, zeigt aber, dass öffentlicher Druck und wissenschaftliche Überwachung wirken.
Wenn Trocknung zum Problem wird
Ein weiteres Thema sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK. Diese entstehen bei der Trocknung und Verarbeitung der Kräuter, besonders wenn Trocknungsprozesse über offenem Feuer stattfinden. Mate-Tee, der traditionell über offenem Feuer geröstet wird, weist tendenziell höhere PAK-Werte auf. Diese Substanzen gelten zwar als kanzerogen, jedoch sind sie aufgrund ihrer chemischen Struktur schlecht wasserlöslich.
Wenig Grund zur Sorge beim Aufguss
Die praktische Bedeutung dieser Kontamination wird oft überschätzt. Bei einer klassischen Teezubereitung gehen PAK nur in sehr geringem Umfang in den Aufguss über. Trotz zum Teil messbarer Befunde im Trockenmaterial ist für Verbraucher bei normaler Zubereitung von keinem Gesundheitsrisiko auszugehen. Die tatsächliche Aufnahme dieser Substanzen beim Teetrinken bleibt minimal. Anders sähe es aus, wenn man die Teeblätter mitessen würde, aber das macht ja niemand.
Natürliche Aromen, die es nicht sind
Tatsächlich verwenden manche Hersteller Aromen, um den Geschmack zu verstärken oder zu standardisieren. Besonders verbreitet ist die Verwendung von natürlichen Aromen, die keineswegs immer aus der namensgebenden Pflanze stammen müssen. Ein Kamillenduft kann beispielsweise aus anderen botanischen Quellen gewonnen werden, solange diese natürlichen Ursprungs sind. Diese Praxis ist rechtlich zulässig und wird auf der Verpackung deklariert. Während dies die Erwartungen mancher Konsumenten enttäuschen mag, stellen diese Aromen nach aktuellem Kenntnisstand kein relevantes Gesundheitsrisiko dar.

Europa setzt klare Grenzen
Die Europäische Union hat auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse reagiert und einheitliche Höchstgehalte für Pyrrolizidinalkaloide festgesetzt. Die EU-Verordnung 2023/915 definiert Grenzwerte von 200 Mikrogramm pro Kilogramm beziehungsweise 400 Mikrogramm pro Kilogramm je nach Teesorte. Für Säuglingstee gelten strengere Maßstäbe mit einem Höchstgehalt von 75 Mikrogramm pro Kilogramm. Diese harmonisierten europäischen Standards gewährleisten einen hohen Verbraucherschutz und sorgen dafür, dass alle Hersteller nach denselben Regeln spielen müssen.
Was wirklich in der Tasse landet
Ein genauer Blick auf die Zutatenliste bleibt dennoch sinnvoll für alle, die wissen möchten, was tatsächlich in ihrer Tasse landet. Alles, was über den reinen Pflanzennamen hinausgeht, deutet auf zugesetzte Aromen oder andere Substanzen hin. Je kürzer die Zutatenliste, desto höher die Wahrscheinlichkeit, ein tatsächlich unverfälschtes Produkt zu erhalten. Die Deklaration ist verpflichtend und ermöglicht eine informierte Kaufentscheidung. Wer nur Matricaria chamomilla auf der Packung lesen möchte, muss eben genau hinschauen.
Worauf beim Kauf achten?
Lose Tees ermöglichen eine optische Kontrolle der Qualität und lassen erkennen, ob Fremdbestandteile enthalten sind. Bei abgepackten Beuteln ist diese Transparenz nicht gegeben. Europäische Anbaugebiete unterliegen strengeren Kontrollen und einheitlichen Grenzwerten, was zusätzliche Sicherheit bietet. Zertifizierungen können weitere Orientierung geben, sollten aber nicht das einzige Kaufkriterium sein. Wer Wert auf Reinheit legt, sollte nach Produkten suchen, die ausschließlich die botanischen Bezeichnungen der enthaltenen Pflanzen aufführen.
Praktische Tipps für den Alltag
- Zutatenliste gründlich lesen und Produkte mit ausschließlich botanischen Bezeichnungen bevorzugen
- Lose Tees wählen, um die Qualität der Pflanzenteile visuell beurteilen zu können
- Abwechslung bei den Sorten praktizieren, um einseitige Belastungen zu vermeiden
- Besonders bei Schwangerschaft, Stillzeit oder für Kinder auf geprüfte Qualität achten
- Aktuelle Testergebnisse von Verbraucherschutzorganisationen berücksichtigen
Die Branche macht ihre Hausaufgaben
Die wissenschaftliche Überwachung hat zu messbaren Verbesserungen geführt. Hersteller haben Produktionsprozesse angepasst, Anbaugebiete sorgfältiger ausgewählt und Reinigungsverfahren optimiert. Die aktuellen Monitoring-Daten zeigen, dass diese Maßnahmen greifen. Das Risiko durch natürliche Kontaminanten wie Pyrrolizidinalkaloide wurde in den vergangenen Jahren deutlich reduziert. Diese positive Entwicklung setzt sich fort, da sowohl Behörden als auch Produzenten ein Interesse an sicheren Produkten haben. Niemand möchte negative Schlagzeilen oder kranke Kunden.
Vernunft statt Hysterie
Kräutertee bleibt bei vernünftigem Konsum ein sicheres Getränk mit langer Tradition. Die dokumentierten Gesundheitsrisiken betreffen vor allem extremen Langzeitkonsum oder besonders empfindliche Personengruppen. Für die überwiegende Mehrheit der Konsumenten stellt moderater Teegenuss keine Gefahr dar. Die regulatorischen Rahmenbedingungen in Europa bieten einen wirksamen Schutz, und die kontinuierliche Überwachung sorgt dafür, dass Probleme frühzeitig erkannt werden. Wer Abwechslung praktiziert und auf Qualität achtet, kann Kräutertee weiterhin bedenkenlos genießen. Die Dosis macht das Gift, und bei Tee gilt das ganz besonders.
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