Wer gerade eine Diät macht oder sich bewusst ernähren möchte, greift gerne zu Seezunge. Der edle Plattfisch gilt als besonders mager und proteinreich – und das völlig zu Recht. Mit nur 83 Kalorien und 17,5 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm bei gleichzeitig niedrigem Fettgehalt von 1,4 Gramm ist Seezunge geradezu perfekt für figurbewusste Genießer. Hinzu kommen wertvolle Omega-3-Fettsäuren sowie wichtige Mineralien wie Kalium und Magnesium. Doch während die Nährwerttabelle auf der Verpackung meist penibel aufgeführt ist, bleibt ein entscheidender Aspekt oft im Dunkeln: Woher stammt der Fisch tatsächlich?
Warum die Herkunft bei Seezunge mehr ist als nur eine Formalität
Die Herkunftsangabe bei Fischprodukten soll wesentliche Informationen über Qualität, Nachhaltigkeit und mögliche Schadstoffbelastung liefern. Die Fangmethoden variieren erheblich, die Kontrolldichte schwankt drastisch zwischen verschiedenen Regionen, und auch die Belastung mit Schadstoffen kann je nach Herkunftsgebiet unterschiedlich ausfallen.
Gerade für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen auf ihre Ernährung achten, wären diese Unterschiede von Bedeutung. Wer abnehmen oder sich kalorienbewusst ernähren möchte, kauft Seezunge nicht nur wegen der niedrigen Kalorienzahl, sondern auch wegen des hohen Nährstoffgehalts. Wenn aber die Herkunft unklar bleibt, fehlt die Grundlage für eine vollständig informierte Entscheidung.
Tricks und Taktiken: So wird die Herkunft verschleiert
Die rechtlichen Vorgaben zur Herkunftskennzeichnung bei Fisch existieren zwar, doch die Praxis zeigt zahlreiche Grauzonen und Schlupflöcher. Statt präziser Fanggebiete finden sich auf Verpackungen oft ausweichende Formulierungen wie „Nordostatlantik“ – ein Gebiet, das von der norwegischen Küste bis vor die Küste Portugals reicht. Diese Angabe ist zwar formal korrekt, jedoch praktisch wenig aussagekräftig für den Verbraucher, der wissen möchte, aus welcher konkreten Region sein Fisch stammt.
Umetikettierung durch Zwischenhändler
Ein besonders undurchsichtiges Vorgehen besteht darin, dass Seezungen nach dem Fang mehrfach den Besitzer wechseln, in verschiedenen Häfen angelandet und dort neu etikettiert werden. Der Anladehafen wird dann als „Herkunft“ deklariert, obwohl der Fisch hunderte Kilometer entfernt gefangen wurde. Für den Endverbraucher ist diese Praxis kaum nachvollziehbar.
Verwirrende Fachbegriffe und Codes
Angaben wie „FAO-Fanggebiet 27“ sagen den meisten Verbrauchern nichts. Diese international standardisierten Codes sind zwar präzise, setzen aber Fachwissen voraus, das die wenigsten Käufer im Supermarkt zur Verfügung haben. Ohne Smartphone und Internetrecherche bleibt der Kunde oft ratlos. Bei gezüchteten Seezungen wird oft lediglich „aus Aquakultur“ angegeben, ohne dass der Standort der Zuchtanlage genannt wird. Ob die Zucht in Europa unter strengen Umweltauflagen oder anderswo unter anderen Bedingungen erfolgte, bleibt oft im Verborgenen.
Die Folgen für gesundheitsbewusste Verbraucher
Wer aus Überzeugung zur Seezunge greift, weil er seinem Körper während einer Diät etwas Gutes tun möchte, zahlt nicht selten einen Premiumpreis für ein Produkt, dessen tatsächlicher Wert schwer einschätzbar ist. Die unklare Herkunft hat konkrete Auswirkungen, die weit über bloße Neugier hinausgehen. Fische aus unterschiedlichen Regionen können verschiedene Schadstoffbelastungen aufweisen. Ohne klare Herkunftsangabe fehlt diese Information komplett. Wer nachhaltig einkaufen möchte, braucht klare Informationen über Fangmethoden und Bestandssituation – unklare Herkunft erschwert verantwortungsvollen Konsum enorm.

Seezunge aus europäischen Gewässern kostet häufig mehr als solche aus anderen Regionen. Wenn die Herkunft unklar bleibt, kann der Verbraucher schwerer beurteilen, ob der Preis gerechtfertigt ist. In verschiedenen Ländern gelten unterschiedliche Standards für die Verarbeitung, sodass Unklarheit über mögliche Zusatzstoffe oder Behandlungsmethoden besteht.
Worauf Sie beim Kauf achten sollten
Trotz der beschriebenen Problematik gibt es Möglichkeiten, sich als Verbraucher besser zu orientieren und informiertere Kaufentscheidungen zu treffen. An der Frischfischtheke haben Sie die Möglichkeit, direkt beim Fachpersonal nachzufragen. Seriöse Händler können und sollten Auskunft über die Herkunft geben können. Wenn ausweichend geantwortet wird, ist Skepsis angebracht.
Siegel kritisch hinterfragen
Verschiedene Zertifizierungen versprechen Nachhaltigkeit und Transparenz. Allerdings sind nicht alle Siegel gleich aussagekräftig. Informieren Sie sich im Vorfeld über die Kriterien, die hinter einem Siegel stehen, und verlassen Sie sich nicht blind auf bunte Logos. Bei tiefgekühlter Seezunge sollten Sie nicht nur die Vorderseite der Verpackung lesen. Die entscheidenden Informationen stehen oft im Kleingedruckten auf der Rückseite. Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie genau.
Lokale Fischhändler bevorzugen
Kleinere, inhabergeführte Fischgeschäfte haben oft direktere Lieferketten und können detailliertere Auskünfte über die Herkunft ihrer Ware geben als große Supermarktketten. Das persönliche Gespräch mit dem Händler, der seine Lieferanten kennt, macht den Unterschied zwischen blindem Vertrauen und informiertem Kauf.
Die rechtliche Situation und ihre Lücken
Die EU-Verordnung zur Verbraucherinformation bei Fischereierzeugnissen schreibt grundsätzlich vor, dass das Fanggebiet oder der Produktionsstaat angegeben werden muss. In der Praxis zeigen sich jedoch Vollzugsdefizite. Kontrollen finden unregelmäßig statt, und die Beweislast liegt faktisch beim Verbraucher, der eine falsche Kennzeichnung nur schwer nachweisen kann.
Besonders problematisch wird es bei verarbeiteten Produkten. Sobald Seezunge als Bestandteil eines Fertiggerichts oder als paniertes Produkt verkauft wird, gelten andere Kennzeichnungsregeln, die weniger streng sind. Hier wird die Verschleierung der Herkunft besonders einfach, und die Industrie nutzt diese Grauzone gezielt aus.
Was sich ändern muss
Transparenz bei Lebensmitteln ist ein wichtiges Anliegen von Verbrauchern. Gerade bei Produkten wie Seezunge, die gezielt von gesundheitsbewussten Menschen gekauft werden, wäre lückenlose Rückverfolgbarkeit wünschenswert. Die Politik ist gefordert, Kennzeichnungspflichten zu verschärfen und deren Einhaltung konsequenter zu kontrollieren.
Verbraucher sollten ihr Recht auf Information aktiv einfordern – durch kritisches Nachfragen, durch bewusstes Kaufverhalten und notfalls durch Beschwerden bei Verbraucherschutzzentralen. Nur wenn der Druck zunimmt, werden Handel und Industrie zu mehr Transparenz bewegt. Die oft unklare Herkunft bei Seezunge ist symptomatisch für ein größeres Problem in der Lebensmittelbranche. Wer während einer Diät oder aus gesundheitlichen Gründen bewusst einkauft und dabei auf die nachweislich günstigen Nährwerte der Seezunge setzt – wenig Fett, viel Protein, wertvolle Omega-3-Fettsäuren und Mineralien – hat ein berechtigtes Interesse daran zu wissen, was wirklich auf dem Teller landet. Informierte Kaufentscheidungen setzen transparente Produktinformationen voraus, und genau hier besteht nach wie vor erheblicher Handlungsbedarf.
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