Vollkorn-Falle im Supermarkt: Was bei 90 Prozent der Brote wirklich drin steckt

Der Gang zur Brottheke im Supermarkt gleicht manchmal einem Parcours durch einen Dschungel aus Bezeichnungen. „Kraftkorn“, „Vital“, „Mehrkorn“, „Kernig“ – die Namen klingen gesund und vollwertig, doch was sich dahinter verbirgt, entspricht oft nicht den Erwartungen ernährungsbewusster Verbraucher. Wer glaubt, mit einem Brot namens „Fitness“ oder „Körner-Power“ automatisch ein Vollkornprodukt zu erwerben, kann sich täuschen. Die Wahrheit liegt nicht im fantasievollen Namen, sondern in der rechtlich definierten Verkaufsbezeichnung, die auf jeder Verpackung zu finden ist.

Warum die richtige Bezeichnung entscheidend ist

In Deutschland regeln die Leitsätze für Brot und Kleingebäck des Deutschen Lebensmittelbuchs präzise, wann ein Brot sich Vollkornbrot nennen darf. Diese Bestimmungen sind verbindlich und schützen Verbraucher vor irreführenden Angaben. Ein echtes Vollkornbrot muss zu mindestens 90 Prozent aus Vollkornerzeugnissen bestehen – bezogen auf den Getreideanteil. Nur dann ist die Bezeichnung „Vollkornbrot“ zulässig. Diese klare Regelung wird jedoch durch kreative Produktnamen geschickt umgangen.

Das Problem: Marketingabteilungen nutzen Begriffe, die Assoziationen zu Gesundheit und Vollwertigkeit wecken, ohne dass das Produkt tatsächlich den strengen Kriterien eines Vollkornbrotes entspricht. Ein „Mehrkornbrot“ klingt nach vielen verschiedenen Getreidesorten und damit nach Vielfalt und Nährstoffen. Tatsächlich sagt dieser Begriff jedoch nichts über den Ausmahlungsgrad des verwendeten Mehls aus. Es kann durchaus aus weißem Auszugsmehl gebacken sein, dem lediglich einige Körner beigemischt wurden.

Der Unterschied zwischen Phantasienamen und Verkaufsbezeichnung

Hier liegt der Kern des Problems: Auf jeder Verpackung gibt es zwei verschiedene Arten von Bezeichnungen. Der große, auffällige Name auf der Vorderseite ist oft ein Phantasiename oder eine werbliche Beschreibung. Dieser unterliegt kaum Einschränkungen und darf kreativ formuliert werden. Die Verkaufsbezeichnung hingegen ist eine rechtlich definierte, sachliche Beschreibung, die meist klein gedruckt auf der Rückseite oder Seite der Verpackung zu finden ist.

Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied: Vorne prangt in großen Lettern „Bauernkraft Körnerbrot“, hinten steht in kleiner Schrift die Verkaufsbezeichnung „Weizenmischbrot mit Sonnenblumenkernen“. Das Produkt besteht also hauptsächlich aus hellem Weizenmehl, nicht aus Vollkorn. Die Körner sind lediglich eine Zutat, die dem Brot zwar eine interessante Textur verleiht, aber nicht die ernährungsphysiologischen Vorteile von Vollkorn liefert. Wer echtes Vollkornbrot sucht, muss genau hinschauen und die kleine Schrift lesen.

Diese Begriffe täuschen häufig

Mehrere Bezeichnungen führen Verbraucher systematisch in die Irre. Mehrkornbrot enthält verschiedene Getreidearten, aber nicht zwingend Vollkorn – oft wird helles Mehl verwendet. Kraftbrot oder Vitalbrot sind reine Werbebegriffe ohne rechtliche Definition und können beliebig verwendet werden. Körnerbrot bedeutet lediglich, dass Körner enthalten sind, nicht aber Vollkornmehl. Dunkles Brot sagt nichts über Vollkorn aus, die Farbe wird oft durch Zusätze erzeugt. Landbrot oder Bauernbrot sind traditionelle Bezeichnungen ohne Vollkorn-Garantie.

So erkennen Sie echtes Vollkornbrot sicher

Die einzige verlässliche Methode ist der Blick auf die Verkaufsbezeichnung. Diese muss das Wort „Vollkorn“ enthalten, wenn das Produkt tatsächlich zu mindestens 90 Prozent aus Vollkornerzeugnissen hergestellt wurde. Gültige Bezeichnungen sind beispielsweise Vollkornbrot, Weizenvollkornbrot, Roggenvollkornbrot oder Dinkelvollkornbrot. Steht dort nur „Roggenmischbrot“, „Weizenbrot“ oder „Mehrkornbrot“, handelt es sich nicht um Vollkorn – unabhängig davon, wie gesund der Produktname klingt oder wie dunkel das Brot aussieht.

Die Zutatenliste als zusätzliche Informationsquelle

Neben der Verkaufsbezeichnung lohnt sich ein Blick in die Zutatenliste. Die Zutaten sind nach Gewichtsanteil geordnet – was zuerst steht, ist am meisten enthalten. Bei echtem Vollkornbrot sollte an erster Stelle „Vollkornmehl“ oder „Vollkornschrot“ stehen, gefolgt von der Getreidesorte. Steht dort „Weizenmehl“ oder „Roggenmehl“ ohne den Zusatz „Vollkorn“, ist es kein vollwertiges Produkt.

Vorsicht ist auch bei Formulierungen wie „enthält Vollkorn“ geboten. Dies bedeutet lediglich, dass ein gewisser Anteil Vollkorn verwendet wurde, jedoch nicht die erforderlichen 90 Prozent des Getreideanteils. Einige Hersteller mischen bewusst kleine Mengen Vollkornmehl bei, um mit dem Begriff werben zu können, ohne die strengen Anforderungen an die Verkaufsbezeichnung „Vollkornbrot“ erfüllen zu müssen. Hier zeigt sich wieder, wie wichtig der genaue Blick auf die Verkaufsbezeichnung ist.

Warum die Unterscheidung gesundheitlich wichtig ist

Der Unterschied zwischen Vollkorn und hellem Mehl ist ernährungsphysiologisch erheblich. Nach den Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuchs enthalten Vollkornprodukte die gesamten Bestandteile des Getreidekorns einschließlich des Keimlings: die ballaststoffreiche Schale, den nährstoffreichen Keimling und den stärkehaltigen Mehlkörper. Bei hellem Mehl werden Schale und Keimling entfernt – damit gehen Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe verloren.

Vollkorn sättigt länger, lässt den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen und unterstützt eine gesunde Verdauung. Wer glaubt, ein Vollkornprodukt zu kaufen, tatsächlich aber ein Weißmehlbrot erwirbt, verpasst diese ernährungsphysiologischen Vorteile. Gerade für Menschen, die bewusst auf ihre Ernährung achten, ist dieser Unterschied fundamental. Die ballaststoffreiche Schale sorgt dafür, dass der Körper die Kohlenhydrate langsamer aufnimmt, was Heißhungerattacken vorbeugt und das Sättigungsgefühl verlängert.

Die Farbfalle: Warum Braun nicht gleich Vollkorn bedeutet

Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dunkles Brot sei automatisch Vollkornbrot. Die Farbe lässt sich jedoch einfach beeinflussen und ist kein verlässliches Erkennungsmerkmal. Malzextrakt, Zuckerkulör oder Rübensirup werden häufig eingesetzt, um Broten eine dunklere Färbung zu verleihen. Auch Roggenmehl ohne Vollkornanteil ergibt von Natur aus ein dunkleres Produkt als Weizenmehl.

Umgekehrt gibt es helle Vollkornbrote, beispielsweise aus fein gemahlenem Weizenvollkornmehl, die optisch kaum von Weißbrot zu unterscheiden sind. Die Farbe ist also kein verlässliches Erkennungsmerkmal. Ausschließlich die Verkaufsbezeichnung und die Zutatenliste bieten Sicherheit. Beim Einkauf sollte man sich nicht von der Optik täuschen lassen, sondern konsequent die Verpackung lesen.

An der Brottheke richtig nachfragen

Bei lose verkauftem Brot an der Bedientheke gestaltet sich die Identifizierung schwieriger. Hier hilft nur die direkte Nachfrage nach der offiziellen Verkaufsbezeichnung. Verkaufspersonal ist verpflichtet, diese Auskunft zu erteilen. Ausweichende Antworten wie „Das ist ein Körnerbrot“ oder „Das ist sehr gesund“ reichen nicht aus. Bestehen Sie auf der präzisen Bezeichnung nach den Leitsätzen.

Seriöse Bäckereien stellen diese Informationen mittlerweile auch in Auslagen bereit oder können sie auf Nachfrage schriftlich vorlegen. Wer sich unsicher ist, sollte im Zweifel auf verpacktes Brot mit deutlich lesbarer Verkaufsbezeichnung zurückgreifen. Es ist Ihr gutes Recht als Verbraucher, diese Informationen zu erhalten, und Sie sollten nicht zögern, danach zu fragen.

Praktische Tipps für den bewussten Einkauf

Entwickeln Sie beim Brotkauf eine gesunde Skepsis gegenüber vollmundigen Werbeversprechen. Attraktive Namen und appetitliche Bilder sollen Kaufimpulse auslösen, informieren aber nicht verlässig über den tatsächlichen Gehalt. Nehmen Sie sich die wenigen Sekunden Zeit, die Verpackung umzudrehen und die kleine, aber aussagekräftige Verkaufsbezeichnung zu lesen.

Mit der Zeit entwickeln Sie ein Gespür dafür, welche Produkte halten, was ihre Namen versprechen, und welche lediglich geschicktes Marketing betreiben. Diese Kompetenz zahlt sich nicht nur gesundheitlich aus, sondern auch finanziell – denn oft werden Produkte mit gesund klingenden Namen teurer verkauft, obwohl sie ernährungsphysiologisch keinen Mehrwert bieten. Je mehr Verbraucher bewusst nach echten Vollkornprodukten fragen und irreführende Bezeichnungen durchschauen, desto stärker wird der Druck auf Hersteller, transparent zu kommunizieren. Ihr informierter Einkauf trägt dazu bei, dass sich langfristig ehrlichere Produktkennzeichnungen durchsetzen.

Woran erkennst du Vollkornbrot beim Einkaufen?
An der dunklen Farbe
An den sichtbaren Körnern
An der Verkaufsbezeichnung
Am gesund klingenden Namen
Ich kaufe nach Gefühl

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