Warum horten wir alte Handys wie digitale Schätze?
Öffne mal deine Schublade – die eine Schublade, wo all der Kram landet, den du nicht wegwerfen willst, aber auch nie wieder benutzt. Was findest du da? Alte Ladekabel? Kopfhörer mit nur einem funktionierenden Ohrstöpsel? Und ganz bestimmt mindestens ein altes Handy. Vielleicht sogar zwei. Oder drei. Oder eine ganze Sammlung von Nokia-Dinosauriern bis zum iPhone 5, das du mal als das beste Smartphone aller Zeiten gefeiert hast.
Du bist damit nicht allein. Eine repräsentative Bitkom-Studie aus dem Jahr 2021 hat über tausend Deutsche befragt und herausgefunden, dass satte 57 Prozent haben drei oder mehr Handys zu Hause rumliegen. Das sind Millionen von Geräten, die in deutschen Wohnungen ein stilles Dasein fristen – zu alt zum Benutzen, aber irgendwie zu wertvoll zum Wegwerfen.
Aber warum zum Teufel machen wir das? Warum hängen wir an diesen technischen Fossilien, die wir garantiert nie wieder einschalten werden? Die Antwort ist überraschend kompliziert und sagt mehr über unsere Psyche aus, als du vielleicht denkst.
Die drei heiligen Gründe, warum wir alte Handys bunkern
Bevor wir uns in die dunklen Tiefen der menschlichen Psyche stürzen, schauen wir uns erstmal die offiziellen Ausreden an. Die Bitkom-Studie hat nämlich nicht nur gezählt, sondern auch gefragt: Warum behältst du das alte Ding überhaupt?
Auf Platz eins landet mit 45 Prozent: Datensicherheit. Klingt erstmal vernünftig, oder? Niemand will, dass die peinlichen Fotos von der Firmenfeier 2015 oder die Banking-App-Daten in die falschen Hände geraten. Also bleibt das Handy in der Schublade, weil wir zu faul, zu paranoid oder zu überfordert sind, die Daten richtig zu löschen.
Platz zwei belegt mit 42 Prozent der Gedanke ans Ersatzgerät. Das ist die Was-wäre-wenn-Logik: Was, wenn mein neues Handy morgen in die Toilette fällt? Was, wenn es gestohlen wird? Was, wenn die Apokalypse kommt und ich plötzlich ein Nokia 3310 brauche, das Atomkriege überlebt? Dann bin ich vorbereitet, Baby.
Und auf Platz drei, mit ehrlichen 35 Prozent: Der Aufwand ist einfach zu hoch. Das ist die Antwort, die wir alle respektieren müssen. Wer hat schon Lust, zum Recycling-Center zu fahren, die richtige Stelle zu finden, eventuell noch Papierkram auszufüllen? Das Handy in die Schublade zu werfen dauert drei Sekunden. Problem gelöst. Nächstes Thema.
Eine Schweizer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften aus dem Jahr 2017 hat noch weitere Gründe aufgedeckt. Und hier wird es interessant: Viele Menschen behalten ihre alten Handys wegen der persönlichen Geschichte und Erinnerungen, die dranhängen. Weil das Gerät eben nicht nur ein Gerät ist, sondern eine digitale Zeitkapsel.
Dein altes Handy ist eigentlich dein externes Gehirn
Hier kommt der Twist: Alte Handys aufzubewahren ist nicht nur Faulheit oder Paranoia. Es ist auch ein emotionales Ding. Und die Wissenschaft hat dafür sogar einen Namen.
Der Psychologe Russell Belk hat 1988 eine Theorie entwickelt, die er Extended Self nennt – das erweiterte Selbst. Die Idee ist simpel und gleichzeitig mindblowing: Wir definieren uns nicht nur durch unseren Körper und unsere Gedanken, sondern auch durch unsere Sachen. Dein Auto ist nicht nur ein Auto, es ist ein Statement. Deine Wohnung ist nicht nur ein Ort zum Schlafen, sie ist ein Spiegel deiner Persönlichkeit. Und dein Smartphone? Das ist praktisch ein Teil von dir.
Belk hat seine Theorie später auf die digitale Welt erweitert. Denn was ist auf deinem Handy gespeichert? Fotos von den besten Momenten deines Lebens. Nachrichten von Menschen, die dir wichtig sind. Playlists, die deine Stimmung perfekt einfangen. Apps, die zeigen, wie du deine Zeit verbringst. Dein Handy ist im Grunde ein digitales Tagebuch, das deine Identität dokumentiert.
Wenn du also ein altes Handy aufbewahrst, bewahrst du eigentlich ein Stück von dir selbst auf. Eine frühere Version deiner digitalen Identität. Das Handy aus der Uni-Zeit. Das Handy vom ersten Job. Das Handy, mit dem du die ersten Nachrichten mit deinem Partner ausgetauscht hast. Jedes Gerät ist ein Kapitel in deiner Lebensgeschichte.
Der Endowment-Effekt: Warum alles wertvoller wird, sobald es dir gehört
Jetzt kommt noch ein psychologisches Prinzip dazu, das erklärt, warum wir Dinge nicht loslassen können: der Endowment-Effekt. Dieser wurde unter anderem vom Nobelpreisträger Daniel Kahneman erforscht und ist ziemlich faszinierend.
Der Endowment-Effekt besagt: Sobald dir etwas gehört, bewertest du es automatisch höher, als wenn es dir nicht gehören würde. Du findest auf dem Flohmarkt eine alte Tasse für fünf Euro und denkst: zu teuer. Aber wenn du dieselbe Tasse schon besitzt und jemand bietet dir fünf Euro dafür, denkst du: die ist mir viel mehr wert. Obwohl es objektiv dieselbe Tasse ist.
Bei alten Handys geht dieser Effekt durch die Decke. Denn diese Geräte waren nicht einfach nur Besitztümer – sie waren deine täglichen Begleiter. Du hattest sie ständig in der Hand, stundenlang. Sie waren bei wichtigen Momenten dabei: beim ersten Date, beim Anruf, dass du den Job bekommen hast, bei der Geburt deines Kindes. Selbst wenn das Gerät heute objektiv wertlos ist – ein kaputter Bildschirm, ein veraltetes Betriebssystem, ein Akku, der nach zehn Minuten leer ist – trägt es subjektiv einen riesigen emotionalen Wert.
Nostalgie: Die Droge, die in deiner Schublade schlummert
Und dann ist da noch die Nostalgie. Du kannst tatsächlich nostalgisch für ein Nokia von 2005 werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Nostalgie eine wichtige psychologische Funktion hat: Sie gibt uns Kontinuität. Sie verbindet unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart und stärkt unser Selbstbewusstsein.
Wenn du ein altes Handy in die Hand nimmst, passiert etwas Merkwürdiges in deinem Gehirn. Du durchlebst kurz die Zeit, in der du es benutzt hast. Du erinnerst dich daran, wer du damals warst, was dir wichtig war, mit wem du gechattet hast, welche Songs du gehört hast. Es ist wie eine kleine Zeitreise.
In einer Welt, die sich rasend schnell verändert – neue Technologien, neue Apps, neue Versionen von allem alle paar Monate – geben uns diese nostalgischen Objekte ein Gefühl von Stabilität. Sie sagen: Hey, schau mal. Du hast schon einiges durchgemacht. Du bist immer noch du, auch wenn sich alles andere verändert hat.
Wenn Aufbewahren zum Problem wird: Die dunkle Seite
Okay, jetzt wird es kurz ernst. Die meisten von uns mit drei oder vier alten Handys in der Schublade sind völlig normal. Aber es gibt einen Punkt, an dem Aufbewahren zum Horten wird – und das ist tatsächlich eine anerkannte psychische Störung.
Im diagnostischen Manual DSM-5 wird die sogenannte Hoarding Disorder beschrieben. Menschen mit dieser Störung haben extreme Schwierigkeiten, sich von Besitztümern zu trennen, selbst wenn diese komplett wertlos oder sogar schädlich sind. Der Wohnraum wird beeinträchtigt, es entsteht erheblicher Leidensdruck, und trotz negativer Konsequenzen können sie sich nicht von den Objekten trennen.
Der Unterschied zwischen uns und pathologischen Hortern? Wir leiden nicht darunter. Unser Wohnzimmer ist nicht vollgestopft bis zur Decke. Wir können uns theoretisch von den Handys trennen – wir tun es nur nicht, weil wir keinen starken Grund dafür sehen.
Aber wir teilen mit Hortern ein grundlegendes psychologisches Prinzip: die Verlustaversion. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben in ihrer berühmten Prospect Theory gezeigt, dass Menschen Verluste emotional stärker gewichten als Gewinne. Wir haben mehr Angst davor, etwas zu verlieren, als Freude daran, etwas zu gewinnen. Und genau das passiert mit alten Handys: Was, wenn ich die Fotos doch noch brauche? Was, wenn ich bereue, es weggeworfen zu haben?
Die Bindungstheorie: Ja, du kannst dich in ein Handy verlieben
Ein weiteres faszinierendes Konzept stammt vom Psychologen John Bowlby, der die Bindungstheorie entwickelt hat. Ursprünglich ging es darum, wie Kinder emotionale Bindungen zu ihren Eltern aufbauen. Aber moderne Forschung zeigt: Wir können auch zu Objekten Bindungen entwickeln.
Das klassische Beispiel ist der Teddybär aus der Kindheit. Viele Erwachsene können sich jahrzehntelang nicht von ihrem Kuscheltier trennen, weil es Sicherheit und Trost vermittelt. Und genau das kann auch mit einem alten Handy passieren – nicht weil du damit kuschelst, sondern weil es eine psychologische Sicherheitsfunktion hat.
Es ist dein Backup. Dein Plan B. Eine Verbindung zu einer Zeit, in der vielleicht alles einfacher war. Wenn du dich von diesem Handy trennen sollst, fühlt es sich emotional falsch an – fast wie ein kleiner Verrat an deiner gemeinsamen Geschichte. Rational weißt du: Es ist nur ein Stück Elektronik. Emotional ist es mehr.
Was deine Handy-Sammlung über deine Persönlichkeit verrät
Was sagt es über dich aus, wenn du fünf alte Handys hortest? Menschen, die viele alte Geräte aufbewahren und starke emotionale Gründe dafür haben, teilen oft bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Sie sind meist sentimental und schätzen Erinnerungen höher ein als Praktikabilität – der Typ, der auch noch Kinokarten von vor zehn Jahren in einer Box aufbewahrt. Oft sind sie stark sicherheitsorientiert und brauchen einen Plan B, C und D, weil die Idee, ohne Backup dazustehen, sie nervös macht.
Dazu kommt eine gewisse Schwierigkeit beim Loslassen – nicht pathologisch, aber sie halten gerne am Vertrauten fest, auch wenn es objektiv keinen Sinn mehr ergibt. Gleichzeitig zeigt es eine tiefe Wertschätzung für die eigene Geschichte. Diese Menschen reflektieren gerne über ihre Vergangenheit und wollen ihre Entwicklung nachvollziehbar halten.
Wie du loslassen kannst, ohne durchzudrehen
Falls du jetzt denkst, vielleicht sollte ich wirklich mal ausmisten, hier ein paar psychologisch fundierte Tipps. Der wichtigste Schritt: Übertrage alle Fotos, Videos, Kontakte und wichtigen Nachrichten auf deinen Computer oder in die Cloud. Sobald du weißt, dass nichts verloren geht, wird die emotionale Hürde viel kleiner. Du gibst das Gerät auf, nicht die Erinnerungen.
Das klingt vielleicht albern, aber es funktioniert: Nimm das Handy in die Hand und denke kurz an die wichtigen Momente, die damit verbunden sind. Danke ihm gedanklich für seine Dienste. Psychologisch gibst du deinem Gehirn damit die Erlaubnis, Abschied zu nehmen. Es ist wie ein kleines Ritual, das den Übergang erleichtert.
Wenn das Gerät selbst symbolisch wichtig ist, fotografiere es. Du behältst die visuelle Erinnerung, ohne das physische Objekt lagern zu müssen. Das funktioniert übrigens auch mit anderen sentimentalen Gegenständen. Denk auch daran: Alte Handys enthalten wertvolle Rohstoffe, die recycelt werden können. Wenn du dein Gerät fachgerecht entsorgst, tust du etwas Gutes. Das gibt dem Loslassen einen positiven Rahmen – es ist nicht nur Wegwerfen, sondern ein aktiver Beitrag.
Wenn du mehrere alte Handys hast, wähle das bedeutsamste aus und bewahre nur dieses auf. Ein bewusst gewähltes Andenken ist etwas anderes als eine zufällige Sammlung aus Bequemlichkeit.
Die harte Wahrheit über digitale Nostalgie
Wir sind die erste Generation, die mit dieser Art von digitaler Nostalgie umgehen muss. Unsere Großeltern hatten Fotoalben und alte Briefe. Wir haben Smartphones, auf denen unser ganzes Leben gespeichert ist – und die nach zwei Jahren schon wieder veraltet sind.
Das alte Handy in deiner Schublade ist mehr als nur Elektronikschrott. Es ist ein Zeuge deiner Geschichte. Es hat dich durch wichtige Lebensphasen begleitet. Es war da, als du dich verliebt hast, als du den ersten Job bekommen hast, als du die wichtigsten Entscheidungen getroffen hast. Kein Wunder, dass wir uns schwer damit tun, es einfach wegzuwerfen.
Gleichzeitig ist es auch ein Symbol für Vergänglichkeit. Technologie wird überholt. Was vor fünf Jahren State-of-the-Art war, ist heute ein Museumsstück. Und vielleicht erinnert uns das daran, dass auch wir uns ständig verändern – ob wir wollen oder nicht.
Ob du deine alten Handys behältst oder nicht, ist letztendlich deine Entscheidung. Wichtig ist nur, dass du dir bewusst machst, warum du es tust. Wenn du sie aus sentimentalen Gründen behältst – völlig okay. Wenn du sie behältst, weil du zu faul zum Recycling-Center bist – auch okay, aber vielleicht kannst du dich doch mal aufraffen.
Das nächste Mal, wenn du deine Schublade öffnest und auf dein altes Nokia oder iPhone 5 schaust, denk daran: Das ist nicht nur ein veraltetes Stück Technologie. Es ist ein kleines Stück deiner Lebensgeschichte. Und ob du es aufhebst, fotografierst oder endlich recycelst – du entscheidest, welche Geschichten du mit in die Zukunft nimmst und welche du loslassen kannst.
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