Was bedeutet es, wenn jemand ständig Ausreden erfindet, laut Psychologie?

Warum dein Kollege immer eine Ausrede parat hat – und was Psychologen darüber denken

Du kennst garantiert diese Person. Die, die jeden Montagmorgen eine neue, kreative Erklärung dafür hat, warum die Präsentation noch nicht fertig ist. Die, deren Hund gefühlt öfter Termine beim Tierarzt hat als dein Auto beim TÜV. Die Person, die nie einfach sagt „Sorry, hab’s verbockt“, sondern stattdessen eine Oscar-reife Performance abliefert, warum das Universum heute Morgen persönlich gegen sie gearbeitet hat.

Nervt? Absolut. Aber hier wird’s interessant: Laut Psychologie steckt hinter diesem nervtötenden Verhalten oft ein richtig komplexes emotionales Puzzle. Und spoiler alert – es hat weniger mit Faulheit zu tun, als du denkst, und viel mehr mit einem Selbstwertgefühl, das gerade so zusammengehalten wird wie ein IKEA-Regal ohne Anleitung.

Was Psychologen in ihren Studien beobachten, ist ein faszinierendes Muster: Menschen, die chronisch Ausreden erfinden, kämpfen meist mit einer toxischen Kombination aus niedrigem Selbstwert und panischer Angst davor, als Versager dazustehen. Ihre Ausreden sind nicht einfach nur Lügen – sie sind emotionale Airbags, die im Bruchteil einer Sekunde aufploppen, sobald die Gefahr droht, dass ihr Selbstbild einen Kratzer abbekommt.

Das fragile Ego und sein Bodyguard namens Ausrede

Hier ist die Sache: Wenn du ein halbwegs stabiles Selbstwertgefühl hast, kannst du sagen „Mein Fehler, tut mir leid“ ohne dass dabei deine komplette Identität implodiert. Für manche Menschen fühlt sich das Zugeben eines Fehlers aber an wie emotionaler Bungee-Jumping ohne Seil. Psychologische Forschung zum Selbstschutzprinzip zeigt, dass Personen mit brüchigem Selbstwert jeden Fehler als existenzielle Bedrohung erleben.

Dein Selbstwertgefühl ist wie ein Jenga-Turm, bei dem schon drei Steine fehlen. Jedes Mal, wenn du einen Fehler zugibst, musst du einen weiteren Stein rausziehen. Irgendwann sagst du dir: „Nope, lass mal lieber. Ich erzähl einfach, dass der Bus heute besonders unpünktlich war.“

Das erklärt auch, warum diese Ausreden oft so absurd kreativ sind. Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren, um eine alternative Realität zu konstruieren, in der du nicht versagt hast, sondern das Opfer widriger Umstände bist. Das ist keine bewusste Manipulation – es ist ein automatischer Schutzmechanismus, der so schnell feuert wie dein Reflex, die Hand vom heißen Herd wegzuziehen.

Willkommen in der Opferzone – Bevölkerung: zu viele

Psychologen haben einen Begriff für Menschen, die ständig externe Faktoren für ihre Probleme verantwortlich machen: die Opferrolle. Und nein, das hat nichts mit tatsächlichen Opfern zu tun, sondern mit einem Verhaltensmuster, bei dem jemand sich selbst systematisch als machtlos inszeniert.

Die Standardformulierung lautet: „Ich konnte nicht, weil…“ Gefolgt von einer endlosen Liste an Hinderungsgründen, die alle eine Gemeinsamkeit haben – sie liegen niemals in der Verantwortung der Person selbst. Der Chef ist unfair, die Kollegen inkompetent, das Wetter zu schlecht, die Sterne falsch ausgerichtet.

Dieses Muster wird als Kern der Opfermentalität beschrieben: Ausreden und Schuldzuweisungen werden zum Lebensstil, getrieben von mangelndem Selbstwert und fehlender Selbstreflexion. Das Verrückte dabei? Diese Strategie fühlt sich kurzfristig verdammt gut an. Wenn alles die Schuld von anderen ist, musst du dich nicht mit der unbequemen Frage auseinandersetzen: „Was hätte ich anders machen können?“

Das Problem ist nur: Langfristig ist das wie mit Schmerzmitteln. Sie unterdrücken das Symptom, aber die eigentliche Ursache – in diesem Fall ein Selbstwertgefühl, das dringend Stärkung braucht – bleibt unbehandelt. Und während du beschäftigt bist, allen anderen die Schuld zu geben, verpasst du die Chance, tatsächlich aus deinen Fehlern zu lernen und zu wachsen.

Der Teufelskreis, aus dem keiner rauskommen will

Hier wird’s richtig fies: Ausreden schaffen einen selbstverstärkenden Kreislauf, der schwerer zu durchbrechen ist als eine Serien-Binge-Session um drei Uhr morgens. Du erfindest eine Ausrede, um dein Selbstwertgefühl zu schützen. Diese Ausrede verhindert aber, dass du die Erfahrung machst, an der du wachsen könntest. Dadurch bleibst du auf demselben Kompetenzlevel stecken, was dein Selbstwertgefühl weiter schwächt, was zu noch mehr Ausreden führt.

Beispiel gefällig? Jemand sagt ständig: „Ich würde ja ins Fitnessstudio gehen, aber ich hab einfach keine Zeit.“ Die Ausrede verhindert, dass die Person trainieren geht. Die Fitness verbessert sich nie. Das Gefühl, unsportlich zu sein, wird immer stärker. Die nächste Ausrede ist schon vorprogrammiert: „Ich bin halt einfach nicht der Sport-Typ.“

Das sind „Entschuldigungs-Geschichten“ – Narrative, die Menschen entwickeln, um ihr fragiles Selbstbild zu schützen, die aber gleichzeitig ihre persönliche Entwicklung komplett blockieren.

Das moralische Gewissen auf Standby

Jetzt kommt der wirklich faszinierende Teil: Psychologen wie Albert Bandura haben erforscht, wie unser Gehirn es schafft, problematisches Verhalten zu rechtfertigen, ohne dass wir uns dabei schlecht fühlen. Das nennt sich moralisches Disengagement, und es ist im Grunde der Cheat-Code, mit dem dein Gewissen ausgetrickst wird.

Menschen, die chronisch Ausreden erfinden, sind Meister darin. Sie sagen sich Dinge wie „So schlimm war das nicht“, „Jeder macht das doch“, oder „Ich hatte keine andere Wahl.“ Das sind keine bewussten Lügen – es sind kognitive Umstrukturierungen, die automatisch ablaufen. Dein Gehirn editiert quasi die Realität in Echtzeit, damit du dich nicht wie ein kompletter Versager fühlst.

Diese kognitiven Mechanismen funktionieren so: Dein innerer Richter wird einfach ausgeschaltet oder zumindest sehr leise gestellt. Das erklärt auch, warum es so frustrierend ist, mit Menschen zu diskutieren, die ständig Ausreden erfinden – aus ihrer Perspektive sind sie tatsächlich nicht verantwortlich. Die Ausrede ist zu ihrer subjektiven Wahrheit geworden.

Die Angst, die niemand zugeben will

Unter all den Ausreden und Rechtfertigungen liegt meistens eine Emotion, die niemand gerne zugibt: pure, rohe Angst. Angst zu versagen. Angst, nicht gut genug zu sein. Angst vor Ablehnung, Kritik oder sozialem Ausschluss.

Ausreden werden direkt mit schwachem Selbstbewusstsein und der Angst vor negativen Konsequenzen verknüpft. Die Ausrede wird zur präventiven Schadensbegrenzung – eine Art psychologische Versicherungspolice. Bevor jemand sagen kann „Du hast versagt“, liefert die Person bereits die Erklärung mit: „Ich hätte es geschafft, aber…“

Das Ironische? Diese Strategie verstärkt genau das, was sie verhindern soll. Menschen, die ständig Ausreden vorbringen, verlieren massiv an Glaubwürdigkeit. Kollegen, Freunde und Partner beginnen, sie als unzuverlässig wahrzunehmen. Die Angst vor Ablehnung führt zu Verhaltensweisen, die die Ablehnung wahrscheinlicher machen. Es ist wie mit jemandem, der so verzweifelt nicht allein sein will, dass er sich klammert und damit alle Leute vertreibt.

Was das mit deinen Beziehungen macht – Spoiler: nichts Gutes

Wenn du mit jemandem zusammenarbeitest oder lebst, der chronisch Ausreden erfindet, weißt du bereits: Es ist anstrengend. Verdammt anstrengend. Jede Interaktion fühlt sich an wie Verhandlungen mit einem besonders hartnäckigen Kleinkind, das erklärt, warum das Wohnzimmer nicht von ihm selbst, sondern vom unsichtbaren Freund verwüstet wurde.

In Beziehungen führen ständige Ausreden zu einem toxischen Cocktail aus Frustration und Vertrauensverlust. Partner fühlen sich nicht ernst genommen. Freunde werden müde. Kollegen hören auf, wichtige Projekte zu delegieren. Was als Selbstschutz begann, beschädigt paradoxerweise genau die sozialen Verbindungen, die für ein gesundes Selbstwertgefühl wichtig wären.

Aber hier ist das wirklich Tragische: Die Person merkt es oft nicht mal. Aus ihrer Perspektive haben einfach alle anderen ein Problem. Sie ist nur Opfer widriger Umstände, während alle um sie herum ungerecht und fordernd sind. Der Selbstbetrug ist so perfekt, dass er unsichtbar wird.

Der Weg raus aus dem Ausreden-Sumpf

Okay, genug der schlechten Nachrichten. Hier kommt der hoffnungsvolle Teil: Dieses Muster ist nicht in Stein gemeißelt. Menschen können lernen, weniger Ausreden zu erfinden und mehr Verantwortung zu übernehmen. Aber – und das ist ein großes Aber – es erfordert zunächst eine brutale Dosis Selbsterkenntnis.

Der erste Schritt ist immer das Bewusstsein. Wenn du beim Lesen dieses Artikels ein leicht unangenehmes Gefühl im Magen bekommst, weil du dich in manchen Mustern wiedererkennst? Glückwunsch, das ist tatsächlich ein gutes Zeichen. Selbsterkenntnis ist wie das Aufwachen aus der Matrix – unangenehm, aber notwendig.

Fang klein an. Beim nächsten Mal, wenn du zu spät kommst oder etwas vergisst, beobachte, welche Erklärung automatisch in deinem Kopf auftaucht. Ist sie wirklich wahr? Oder ist sie eine kreative Umgehung der unbequemen Wahrheit, dass du einfach verschlafen hast oder es nicht priorisiert hast?

Experimentiere mit radikaler Ehrlichkeit. Sag einfach mal: „Mein Fehler, ich hab’s verbockt.“ Beobachte, was passiert. Spoiler: Die Welt bricht nicht zusammen. Die meisten Menschen reagieren auf Ehrlichkeit erstaunlich positiv. Es ist erfrischend in einer Welt voller Bullshit.

Dein Selbstwertgefühl braucht ein Upgrade, keine Bodyguards

Der eigentliche Gamechanger ist die Arbeit am Selbstwertgefühl selbst. Solange dein Selbstwert so fragil ist, dass jeder Fehler sich anfühlt wie eine existenzielle Bedrohung, wirst du weiter Ausreden brauchen. Der Trick ist zu lernen: „Ich bin wertvoll, auch wenn ich Fehler mache.“

Das klingt nach einem kitschigen Motivationsspruch, ist aber tatsächlich der Kern der Lösung. Wenn dein Selbstwert nicht mehr davon abhängt, perfekt zu sein und nie zu versagen, verlieren Ausreden ihre Funktion. Du brauchst keinen emotionalen Airbag mehr, wenn du gelernt hast, dass kleine Crashes zum Leben dazugehören und dich nicht umbringen.

Das bedeutet nicht, dass du nie wieder Erklärungen geben sollst. Manchmal ist der Bus tatsächlich zu spät. Der Unterschied liegt in der Ehrlichkeit – dir selbst und anderen gegenüber.

Umgang mit chronischen Ausreden-Erfindern in deinem Leben

Falls du nicht selbst betroffen bist, sondern jemanden in deinem Leben hast, der dieses Muster zeigt – hier ist die unbequeme Wahrheit: Du kannst niemanden ändern, der nicht bereit ist, das Problem zu sehen. Punkt.

Was du tun kannst: Mitgefühl haben, aber klare Grenzen setzen. Versteh, dass hinter den nervigen Ausreden oft ein verletzliches Ego steckt, keine böse Absicht. Gleichzeitig musst du dich nicht für ständige Unzuverlässigkeit verfügbar machen.

Direkte, aber freundliche Kommunikation kann Wunder wirken: „Hey, mir ist aufgefallen, dass du oft externe Gründe anführst, wenn etwas nicht klappt. Ich würde es wirklich schätzen, wenn wir stattdessen darüber reden könnten, wie wir es beim nächsten Mal besser machen.“ Das öffnet die Tür für Veränderung, ohne die Person in die Defensive zu drängen.

Aber sei realistisch: Manche Menschen sind so tief in ihrer Opferrolle verankert, dass jeder Versuch, das anzusprechen, als persönlicher Angriff verstanden wird. In solchen Fällen musst du für dich entscheiden, wie viel Energie du investieren willst.

Was das große Ganze uns lehrt

Hier ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus all der psychologischen Forschung: Das ständige Erfinden von Ausreden ist kein Charakterfehler oder moralisches Versagen. Es ist ein Symptom – ein Signal, dass jemand mit seinem Selbstwert kämpft, Angst vor Versagen hat und nie gelernt hat, dass Fehler okay sind.

Interessanterweise leben wir in einer Kultur, die Ausreden fast normalisiert hat. Social Media ist voll von Posts, die elaboriert erklären, warum jemand seine Ziele nicht erreicht hat oder Pläne geändert wurden. Die Ausrede ist gesellschaftsfähig geworden, fast schon erwartet.

Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass echte Verbindung und persönliches Wachstum nur möglich sind, wenn wir aufhören, uns und anderen etwas vorzumachen. Die Psychologie liefert uns das Verständnis – was wir daraus machen, liegt bei uns.

Am Ende geht es nicht darum, perfekt zu sein oder nie wieder eine Erklärung zu haben. Es geht um Ehrlichkeit. Um die Fähigkeit zu sagen: „Ja, das war mein Fehler“ ohne dabei in ein emotionales schwarzes Loch zu fallen. Um ein Selbstwertgefühl, das stabil genug ist, um einen gelegentlichen Kratzer auszuhalten.

Und vielleicht – nur vielleicht – um die Erkenntnis, dass Fehler zugeben nicht das Ende ist, sondern der Anfang. Der Anfang von echten Beziehungen, in denen Menschen nicht perfekt sein müssen. Der Anfang von persönlichem Wachstum, weil du endlich aus deinen Fehlern lernen kannst. Der Anfang von einem Leben, in dem du nicht ständig Energie darauf verwenden musst, alternative Realitäten zu konstruieren.

Die einfache, unbequeme, befreiende Wahrheit: Manchmal ist ein „Mein Fehler, sorry“ das mutigste und gleichzeitig einfachste, was du sagen kannst. Keine kreative Geschichte, kein Drama, kein emotionaler Schutzschild. Nur Ehrlichkeit. Und das ist, wenn man’s genau nimmt, ziemlich revolutionär.

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